Arbeitspolitik 

 

Gute Arbeit

Ein gutes Leben ist ohne gute Arbeit in all ihren Facetten nicht möglich. Gute Arbeit gibt Menschen Raum und eröffnet ihnen Chancen für die Planung der eigenen Zukunft. Gute Arbeit ist die Grundlage dafür, dass Menschen sich engagieren und die Gesellschaft mitgestalten. Für eine fortschrittliche und aufgeklärte Gesellschaft gilt: Wohlstand, Innovationen und Wachstum gibt es nur mit „Guter Arbeit“.

Das Forum Neue Politik der Arbeit hat sich mit dieser Thematik im Zusammenhang mit den Anforderungen an eine neue Arbeitspolitik auf ihren Tagungen und Workshops beschäftigt.

Die neue Arbeitswelt zeigt sich vor allem darin, dass wissensbasierte Arbeitsprozesse kapitalistischer Produktion und Reproduktion eine immer stärkere Rolle in Arbeitsprozessen spielt: An den Arbeitsprozessen lassen sich in erhellender Weise Dynamik und Entwicklungslogik der derzeitigen Phase kapitalistischer (Re-)Produktion analysieren und verstehen sowie Orientierung für Veränderung gewinnen.

Schon auf den ersten Blick tritt die außerordentliche Wandlungsfähigkeit kapitalistischer Produktion und Reproduktion in Erscheinung. Mit der Einsicht in deren Doppelnatur – stofflich-konkrete Herstellung von Gebrauchswerten einerseits und Erzeugung abstrakten Mehrwerts andererseits – erschließen sich auf der materiellen Basis unterschiedlicher Arbeitsorganisation und Arbeitsmittel unterschiedliche Formen der Mehrwertproduktion:

  • Manufaktur: Vereinigung ‚freier’ Arbeitskräfte unter einheitlichem Kommando über ganzheitliche Tätigkeiten mit tradierten Werkzeugen (absolute Mehrwertproduktion).
  • Horizontale Arbeitsteilung (Smith, Babbage): Aufteilung ganzheitlicher Tätigkeiten in einfache, geringe Qualifikation erheischende Verrichtungen (relative Mehrwertproduktion durch Steigerung der Produktivkraft lebendiger Arbeit).
  • Maschineneinsatz: Nutzung von Naturkräften und maschineller Funktionen bei Energie- und Stoffumwandlung durch Beobachtung und Analyse der Verrichtungen (weitere Steigerung der Produktivkraft).
  • Vertikale Arbeitsteilung (Taylor): Trennung von Planung und Ausführung auf Basis wachsenden expliziten, ‚kodifizierten’ Wissens über Arbeitsprozesse, damit minutiöse Planung, Anweisung und Kontrolle ausführender, aber zunehmend auch planender Tätigkeiten (‚Verwissenschaftlichung’; Steigerung der Produktivkraft durch formelle und reelle Subsumtion lebendiger Arbeit).

Versteht man lebendige Arbeit als Einheit von abstrakter Arbeitskraft als tauschbarer und im Wert bestimmbarer Ware und dem Arbeitsvermögen als Inbegriff konkreter Erfahrungen, Fähigkeiten und produktiver Handlungskompetenz ihrer individuellen Träger, so zeigt sich:

In diesen Entwicklungsphasen werden die qualitativen Anforderungen an das Arbeitsvermögen insgesamt verringert (trotz Steigerung bei Arbeit zur Gewinnung und Organisation von Wissen), zugleich werden Möglichkeiten der Kontrolle ausgeweitet und der Wert der Arbeitskraft durch enorme Steigerung der Produktivkraft der Arbeit gesenkt – ganz im Einklang mit den Imperativen der Kapitalverwertung als dem eigentlichen Antrieb der Entwicklung. Darin ist eine fortschreitende Objektivierung und Form der Vergesellschaftung von Arbeitsprozessen angelegt, die sich in der starken Ausweitung kodifizierten Produktionswissens wie im wachsenden Einsatz von Maschinensystemen als vergegenständlichter, toter Arbeit manifestiert, der die verbleibende lebendige Arbeit unterworfen ist. Verbunden ist dies mit einem massiven Strukturwandel von Hand- zu Kopfarbeit, von einfacher zu komplexer (Re-)Produktion bei wachsender Bedeutung von Dienstleistungen, öffentlichen und Gemeingütern.

Doch läuft diese Entwicklung einer inneren Grenze, vergleichbar einem Phasenumschlag, entgegen: In dem Maße, in dem das explizite, kodifizierte Produktionswissen durch dessen kreative Verwendung im Wettbewerb der Unternehmen für Innovationen von Produkten, Prozessen und Dienstleistungen genutzt wird, wachsen Vielfalt, Komplexität, Dynamik, Unsicherheit und Unplanbarkeit von Produkten, Prozessen und Märkten, die zu bewältigen wachsende Anforderungen an das Arbeitsvermögen stellt. Je differenzierter, komplexer und dynamischer das kodifizierte Produktionswissen und dessen Vergegenständlichung, nun zunehmend auch digital in IT-Systemen als neuen instrumentellen Medien der Wissensarbeit, desto anspruchsvolleres Arbeitsvermögen ist gefordert, diese gesellschaftlichen Produktivkräfte weiterzuentwickeln und sich zu produktiver Verwendung anzueignen. So nehmen Bedeutung und Qualitätsanforderungen an Arbeitsvermögen und Können zu, weil sich abstrakte Arbeitskraft im Prozess ihrer Verwertung zunehmend in Form veräußerlichten Wissens und technischer Systeme vergegenständlicht.

In dieser Übergangsbewegung wird daher für Unternehmen wie für Gesellschaften immer wichtiger, was sie können, als was sie besitzen. Zurecht wird vom Übergang von der Industrie- zur wissensbasierten oder kurz: Wissensgesellschaft gesprochen; dabei kommt es aber auf das leiblich gebundene Erfahrungswissen an, eben auf das unveräußerliche Arbeitsvermögen oder Können der gesellschaftlichen Individuen, sich des explizit kodifizierten oder in Arbeitsmitteln vergegenständlichten Wissens zu bemächtigen, um es praktisch produktiv wirksam werden zu lassen – ein Vorgang, durch den sich das Arbeitsvermögen selbst weiter entwickelt.

Diese Bewegung im Produktionsprozess bringt nun eine Reihe von Widersprüchen hervor:

  • Wissen ist öffentliches Gut und eine ‚generative Ressource’, die ihrer Natur nach nicht getauscht, sondern nur geteilt (oder geheim gehalten) werden kann, und die sich im Gebrauch nicht verzehrt, sondern vermehrt; darin wurzelt u.a. der heftiger werdende Kampf um geistige Eigentumsrechte, die die immer wichtigere Wissensteilung behindern.
  • Wissen wächst wie ein Baum, durch Verzweigung in Gestalt von Differenzierung und Spezialisierung. Produktives Arbeiten und Problemlösen erfordern aber meist die Zusammenführung diverser Wissenszweige und Integration unterschiedlichen Arbeitsvermögens in Form autonomer Kooperation kompetenter Experten, die aber nur freiwillig funktioniert und sich jeder Anweisung entzieht.
  • Die Kapitalverwertung als Herrschaftsverhältnis auch im Umgang mit Wissen in weitgehend autonomen, sich selbst organisierenden Arbeitsgruppen aufrechtzuerhalten, erfordert neue Formen der Kontrolle: indirekte Steuerung durch Marktanforderungen anstelle hierarchischer Anweisung und Kontrolle (die bei Unsicherheit und Unplanbarkeit ohnehin nicht möglich ist). Unter dem Damoklesschwert des Misserfolgs treiben sich die Träger des Arbeitsvermögens selbst zu Höchstleistungen an, allerdings auf Kosten ihrer Gesundheit und sozialen Beziehungen, was ihr Arbeitsvermögen untergräbt.
  • Das immer wichtiger werdende Arbeitsvermögen kann sich unter diesen Bedingungen seiner Verausgabung in den Arbeitsprozessen selbst nicht hinreichend entwickeln. Zudem werden als dessen allgemeine Voraussetzung auch größere, den Wert der Arbeitskraft erhöhende reproduktive Leistungen erforderlich, die aber minimal bleiben. Das führt insgesamt zu unterentwickeltem Arbeitsvermögen.

Zusammengefasst ergibt sich: In der Bewegung des Übergangs von der Industrie- zur Wissensgesellschaft schlägt die Objektivierung der Arbeit um in deren Subjektivierung.

Dabei wird das Arbeitsvermögen zum weitaus wichtigsten Antrieb der Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte. Die aus den Verhältnissen der Kapitalverwertung erwachsenden Widersprüche legen nun aber der Entfaltung des Arbeitsvermögens und der Produktivkräfte Fesseln an; aus Formen gesellschaftlicher Produktivkraftentwicklung werden eben diese Verhältnisse zu deren Hemmnissen. Namentlich die Sicherung der Kapitalverwertung durch indirekte Steuerung mit ihren zerstörerischen Folgen und die Beschränkung des Werts der Arbeitskraft durch unzureichende Reproduktion des Arbeitsvermögens werden zu Fesseln künftiger Produktivkraftentwicklung als Quelle von Produktivität, Innovationsfähigkeit und nachhaltigem gesellschaftlichem Wohlstand.

Die neue Arbeitswelt erstreckt sich darüber hinaus auch auf den internationalen und europäischen Kontext:

Hinter den Stichpunkten „Arbeit, Wirtschaftsdemokratie, Europa“ steht die Vorstellung, dass eine fortschrittliche Arbeitspolitik heute in europäischen Zusammenhängen und in einer wirtschaftsdemokratischen Perspektive diskutiert und entwickelt werden sollte.

Deswegen hat der DGB seine arbeitspolitischen Initiativen zur Re-Regulierung von
Arbeit und gegen die Spaltung des Arbeitsmarktes unter die Überschrift „Für eine neue
Ordnung der Arbeit“ gestellt. Diesen Themenkomplex hat das FNPA auf einem WS im Herbst 2013 diskutiert.

Der Zusammenhang zwischen „neuer Arbeitswelt“, „Index Gute Arbeit“ und „Wissensarbeit“ wurde am Beispiel der Universität Göttingen in einem Workshop zum Thema „Widersprüche von Wissensarbeit: zwischen Autonomie und Burn-out“ im April 2012 diskutiert.

Seit 2007 wird über den „Index Gute Arbeit“ vom DGB öffentlich über die Arbeitswelt Bericht erstattet. Es werden u. a. Bedingungen Guter Arbeit zu identifizieren versucht, Untersuchungen zur Arbeitszufriedenheit der Beschäftigten, zur Work-Life-Balance und zur Lage des Prekariats werden über repräsentative Befragungen von Beschäftigten durchgeführt. Damit wird die Qualität der Arbeitsbedingungen im Betrieb ermittelt und verbessert.